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Zum Auffrischen und Schmunzeln . . .

. . . sind diese Museums-Seiten hier gedacht, denn viele wissen nicht mehr oder noch nicht, wie es damals angefangen hat und wie das wirklich funktioniert mit den Tonband- und den Magnetbandgeräten aus alter Zeit. Viele Bilder können Sie durch Anklicken vergrößern, auch dieses.

Akio Morita erzählt vom ersten Tonbandgerät

Aus einer Übersetzung des Buches von Akio Morita aus 1986 (von Edwin Reingold und Mitsuko Shimomura)

 

Es war Mai 1946, ca. 1 Jahr nach den Atombomben auf Japan. Akio Morita erzählt:

Mein Partner Masaru Ibuka wollte unbedingt einen völlig neuen, in Japan noch nicht bekannten Konsumartikel produzieren: ein "Drahtmagnetophon". Wir hatten einige solcher Geräte deutschen Ursprungs gesehen; zudem wußten wir, daß in den Labors der Tohoku-Universität in Nordjapan eine hervorragend magnetisierbare Stahllegierung gefunden (oder erfunden) worden war. Der Stahldraht, der einen Durchmesser von genau einem Zehntelmillimeter haben mußte, war nur unter Schwierigkeiten herstellbar.

Anmerkung: zum "Draht-magnetophon"
Die Vertriebler der AEG waren mit dem AEG Magnetophon K2 bereits 1938 weltweit auf Kundensuche. So hatte sich der deutsche Name "Magnetophon" sogar in Japan als Inbegriff für das "Magnetbandgerät an sich" bereits eingebürgert.


Akio Morita erzählt weiter :

Ibuka erfuhr, daß sich die Firma Sumitomo Metals Corp. in Osaka dazu in der Lage sah; leider war man dort an dem Auftrag nicht interessiert. Aber wie es sich bisweilen so fügt, erwies sich das mangelnde Entgegenkommen als verkappter Segen. Zwar waren wir enttäuscht, daß wir nun kein Drahtmagnetophon bauen konnten; das Erfreuliche aber war, daß wir später gleich mit einem weitaus besseren Produkt, einem Magnetophonbandgerät, auf den Markt kamen.

 

Ibuka lieferte also unser erstes Mischpult bei den Amerikanern ab. Bei dieser Gelegenheit erblickte Ibuka in einer der Redaktionsstuben erstmalig ein amerikanisches Magnetophonbandgerät der Marke Wilcox-Gay. Nach kurzer kritischer Begutachtung war Ibuka davon überzeugt, daß das Drahtmagnetophon, so wunderbar die ihm zugrunde liegende Idee auch war, mit einem Bandgerät nicht mithalten konnte; denn seine Nachteile lagen auf der Hand: Um eine passable Klangtreue zu erzielen, mußte der Draht mit sehr hoher Geschwindigkeit über den Aufnahme- oder Wiedergabekopf geführt werden - und das hieß, man benötigte endlose Meter Draht auf großen Spulen.

 

Aber selbst die größten Spulen faßten nur relativ wenig dünnen Draht. Am schlimmsten jedoch war, daß sich eine Drahtaufnahme nicht einfach zusammenschneiden ließ. Wollte man weniger gut gelungene Teile einer Aufnahme löschen und neu einspielen, mußte dies in absolut perfekter Synchronisation mit dem bereits Aufgenommenen geschehen - eine Perfektion, die nur unter großen Schwierigkeiten zu erreichen war.

Anmerkung:

In den USA war das Magnetophon, das (deutsche) Magnetbandgerät, bis 1946 nahezu unbekannt. Man arbeitete noch mit Stahlband bzw. Stahldraht und das teilweise sogar bis 1952. Und diese Stahldrahtgeräte kamen dann teilweise auch noch aus Deutschland . . . . 

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Wir bauen ein Tonbandgerät . . .

Akio Morita erzählt:

Daß sich mit Bändern einfacher arbeiten ließ, erkannte man auf den ersten Blick. Da sie sich problemlos zusammenkleben lassen, kann man Korrekturen oder Änderungen getrennt aufnehmen und an jeder gewünschten Stelle nachträglich einschieben. Auf eine Spule vertretbarer Größe lassen sich viele hundert Meter Band wickeln. Am schwersten jedoch wog, daß von der Klangtreue her das Band dem Draht weit überlegen war.

 

Wir hatten gelesen, daß die Deutschen dieses Tonträgersystem erfunden und bereits im Kriege stundenlange Propaganda vom Band gespielt hatten. Die Firma Ampex war einer der ersten amerikanischen Gerätehersteller der frühen Nachkriegszeit; der größte Bänderproduzent die Minnesota Mining and Manufacturing Company, die heutige 3M.

 

Spontan beschlossen wir, Tonbandgeräte zu produzieren. Wir beide müssen als Ideenverkäufer furchtbar überzeugt haben; denn mit vollem Bauch erklärte sich unser Finanzier mit unserem Vorhaben einverstanden. Damit konnte die Sache steigen.

 

Glaubten wir jedenfalls. Doch schon sehr bald merkten wir, daß wir gar nicht wußten, wie oder woraus wir die Bänder, immerhin den entscheidenden Teil des Aufnahmesystems, herstellen sollten. Da wir uns mit dem gescheiterten Projekt eines Drahtmagnetophons schon intensiv befaßt hatten, trauten wir uns den Bau eines Tonbandgeräts von der mechanischen und elektronischen Seite her durchaus zu.

 

Mit dem Tonband selbst verhielt es sich indes anders. Niemand in Japan hatte die geringste Erfahrung mit Magnetband. Da es keine Importmöglichkeit gab, mußten wir das Band zwangsläufig selbst herstellen. Wir beabsichtigten nämlich von vornherein, uns nicht auf den Bau von Geräten zu beschränken, sondern auch die Bänder herzustellen und anzubieten, da wir von einer permanenten Nachfrage ausgingen.
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Anmerkung:

In diesem Abschnitt werden sehr viele der späteren Erkenntnisse mit diesen frühen Ideen vermischt. Der Stahldraht stand bis etwa 1950 qualitativ nur wenig hinter dem damaligen Magnetband. Ein moderner Schaub-Lorenz Drahtrecorder in der Lindefelser Sammlung und auch im Keller-Fundus in Heusenstamm produziert heute noch nahezu Hif-Qualtät. Alleine das Handling (die Bedienung) mit dem Draht war katastrophal.

 

Die Entwicklungen der AEG und der BASF mit dem neuen Kunststoffband für das Magnetophon K4 wurden nämlich ab 1941 geheim gehalten. Weder die Amerikaner noch die Japaner, obwohl Freunde der Deutschen, bekamen das Knowhow zu Gesicht. Alle waren nach dem Krieg sichtlich überrascht, daß es das alles (also ein Tonband- Aufnamegerät) in höchster Perfektion schon lange vorher gab.

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Dazu brauchten wir auch das "Band"

Akio Morita erzählt:

Die größte Schwierigkeit bestand in der Beschaffung oder Herstellung des Rohmaterials. Plastik gab es nicht; wir hatten bloß Cellophan. Obwohl wir das Material für grundsätzlich ungeeignet hielten, mußten wir, der Not gehorchend, das Beste daraus zu machen versuchen. Gemeinsam mit Nobotoshi Kihara, einem glänzenden jungen Ingenieur, schnitten Ibuka und ich Cellophanbögen in viertelzollbreite Streifen und experimentierten mit den verschiedensten Beschich-tungen. Sehr schnell erkannten wir, daß alles nichts half, denn selbst das beste und stärkste Cellophan war nach ein oder zwei Läufen durch den Aufnahmemechanismus hoffnungslos überdehnt; Klangverzerrungen waren also unvermeidlich. Wir stellten ein paar Chemiker ein, aber auch sie bekamen das Problem der Nachgiebigkeit nicht in den Griff.

 

Schließlich erkundigte ich mich bei Goro Kodera, einem Cousin, der in der Papierindustrie tätig war, ob sich ein sehr dünnes und glattes, aber kräftiges Papier herstellen ließe, das als Werkstoff in Betracht käme. Nachdem er uns einen kleinen Vorrat beschafft hatte, nahmen wir wieder die Rasierklingen zur Hand und schnippelten drauflos.

 

Gutes, magnetisierbares Material war in jener Zeit der Knappheit praktisch unmöglich zu beschaffen. Selbst ich kann es heute kaum noch glauben, aber Ibuka, Kihara und ich stellten unsere ersten Bänder tatsächlich in Handarbeit her. Sobald wir genügend Band für eine kleine Spule geschnitten hatten, legten wir den langen Papierstreifen auf dem Fußboden unseres Labors aus. Doch dann begannen die eigentlichen Schwierigkeiten. Zu feinem Staub zermahlene Permanentmagneten taten es nicht; wie sich herausstellte, mußten die Bänder mit nur schwach magnetischem Material beschichtet werden. Nach umfangreichen Untersuchungen stieß Kihara auf Oxalsäuren Ferrit, eine Substanz, die beim Erhitzen in Eisenoxid umgewandelt wird.

 

Das war's! Doch woher nehmen? Kihara und ich grasten die Tokioter Chemikaliengroßhändler der Reihe nach ab, und siehe da, es gab ein einziges Geschäft, in dem das Gesuchte zu haben war. Wir erstanden zwei Flaschen und kehrten in unser Labor zurück. Da wir keinen elektrischen Heizkessel besaßen, gaben wir die Chemikalie in eine geborgte Bratpfanne und rührten mit einem Holzlöffel, bis sich der Stoff zunächst braun, dann schwarz verfärbte: das Braune war Eisenoxid, das Schwarze ist Fe3O4, der schwach magnetische Hammerschlag [Eisen(II, III)oxid].
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Anmerkung:

Damit sind die beiden Japaner 10 Jahre später genauso weit wie die deutschen AEG-ler 1934/35, als die BASF nur wenig brauchbare Prototypen- Kunststoff- Bänder anlieferte und bei der AEG in Berlin im Labor das selbst geschnittene Papierband sogar noch von Hand selbst beschichtet wurde.

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Mit Papierband fing es auch hier an . . .

Akio Morita erzählt:

Kihara überwachte das Brennen mit prüfendem Blick; sobald der Farbton stimmte, riß er die Pfanne vom Feuer. In den Staub rührten wir dann nach und nach farblosen Japanlack, bis eine Konsistenz erreicht war, die das Auftragen per Spritzpistole gestattete. Das Aufspritzen indessen bewährte sich ebenfalls nicht. Nachdem wir alle erdenklichen Möglichkeiten durchprobiert hatten, beschafften wir uns feine Pinsel - weiches Bauchhaar des Waschbären - und bestrichen die Bänder von Hand. Zu unserer Verblüffung erzielten wir mit diesem Verfahren die besten Ergebnisse.

 

Natürlich waren die ersten Papierbänder einfach fürchterlich; trotzdem waren wir sehr stolz auf unsere Leistung. Von unseren seinerzeit 45 Beschäftigten waren mehr als ein Drittel College-Absolventen. Aber obwohl unser Unternehmen sozusagen kopflastig war, ließ sich die angestrebte Produktqualität ohne Plastik als Rohmaterial nicht erreichen. Sobald Plastik erhältlich war, entwickelten wir unsere eigene Verarbeitungstechnik, das heißt, die Technik hatten wir eigentlich schon vorab entwickelt, so daß wir mit unserem Produkt sehr schnell auf den Markt gehen konnten.

 

Da Ibuka unbedingt auch den Bandsektor abdecken wollte, investierten wir in die Produktentwicklung viel zusätzliche Mühen und Anstrengungen. In jener Anfangszeit sahen wir im Magnetband den Schlüssel zu künftigem geschäftlichem Erfolg. Was die Hardware-Seite betraf, so hatten wir den Aufnahme/Wiedergabe-Mechanismus nach allen Regeln der Kunst vervollkommnet. Die Tonbandmaschine, die wir 1950 produzierten, fiel ungeschlacht und schwer aus, funktionierte nach unserer Einschätzung aber vorzüglich. Ich war daher völlig überzeugt, daß wir uns nach langen Anstrengungen nun endlich auf dem Wege zu größtem Erfolg befanden.

 

Als die Maschine Marktreife hatte, glaubten wir mit Aufträgen überschwemmt werden zu müssen. Doch uns stand ein böses Erwachen bevor: sie verkaufte sich nicht. Ein Tonbandgerät war in Japan 1951 etwas so Neues, daß sich kaum jemand etwas darunter vorstellen konnte, und die wenigen vermeintlichen Kenner glaubten gut und gern, darauf verzichten zu können.

 

Aus der Rückschau betrachtet, erkenne ich heute recht deutlich, wo unsere damaligen Probleme lagen. Jene erste, klobige 35 Kilo schwere Maschine kostete 170 000 Yen, für das Japan der Besatzungszeit eine ungeheure Summe (der Dollar wurde damals offiziell mit 360 Yen bewertet). Nur sehr wenige Japaner konnten es sich leisten, so viel Geld für ein Gerät auszugeben, das sie vermeintlich gar nicht brauchten. (Ein in der Industrie beschäftigter Akademiker verdiente seinerzeit monatlich keine 10 000 Yen.) Wir produzierten fünfzig dieser Geräte für einen Markt, der offenbar gar nicht existierte.
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Anmerkung:

Das war in Deutschland 10 Jahre vorher (also ab etwa 1938) völlig anders. Dort waren die Rundfunkleute nicht nur mit im Boot, sondern auch ganz versessen auf diese völlig neue moderne Technik. Der Duchbruch im Reichsrundfunk kam aber erst nach 1941, nachdem dank der HF Vormagnetisierung richtiges Hifi aufgezeichnet werden konnte.

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Ein tolles Produkt ist noch lange nicht verkauft

Akio Morita erzählt:

Weder Ibuka noch ich verfügten über Erfahrung in Produktion und Verkauf von Konsumgütern. Ibuka hatte, sieht man von Kurzwellenadaptern und Plattenspielerersatzteilen einmal ab, immer nur für den Staat oder das Rundfunkwesen produziert. Ich selbst hatte noch niemals etwas für den Verkauf produziert. Obwohl ich als Junge bei meinem Vater ein "Management Training" genossen hatte, auf das ich in der Kriegsmarine erfolgreich zurückgreifen konnte, verstand ich nichts von Absatzvorbereitung, -förderung und Verkaufstechnik. Ibuka und ich kamen gar nicht einmal auf die Idee, daß solche Kenntnisse unerläßlich waren; teilten vielmehr die unerschütterliche Ansicht, daß man gute Produkte bloß herzustellen brauchte, um Aufträge zu erhalten. Wir bekamen eine Lektion erteilt.

 

Wir waren Ingenieure, träumten vom großen Erfolg und dachten, mit unserem einzigartigen Produkt ließe sich ein Vermögen verdienen. Ich war deshalb fest entschlossen, das Tonbandgerät durchzusetzen. Wo immer ich ein Publikum fand, demonstrierte ich unser Gerät. Ich suchte Geschäfte auf und führte es den Universitäten vor; lud das Gerät auf den Laster, fuhr zu Freunden und nahm ihre Stimmen auf, nicht aers als ein Unterhaltungskünstler, der zur Verblüffung und Freude des Publikums mitgeschnittene Gespräche abspielt. Das Gerät gefiel allen, nur kaufen wollte es niemand. »Das ist ja eine feine Sache, aber für ein Spielzeug ist die Maschine zu teuer«, so oder ähnlich kommentierte man meine Darbietungen.

 

Ich mußte erkennen, daß der Besitz einer einzigartigen Technologie und die Produktion einmaliger Güter nicht hinreicht, um ein Unternehmen in Gang zu halten. Man muß die produzierten Güter auch verkaufen; dem potentiellen Käufer muß der wahre Wert des angebotenen Produkts verdeutlicht werden. Gleichzeitig erfaßte ich, daß ich die Marktvorbereitung und Absatzorganisation selbst in die Hand nehmen mußte.
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Neue Erfahrung durch einen Zufall

Akio Morita erzählt:

Ein Glücksfall brachte mir die Erleuchtung. Zu der Zeit, als ich immer noch an den Ursachen für den mangelnden Absatz unserer Tonbandgeräte herumrätselte, kam ich unweit meiner Tokioter Wohnung an einem Antiquitätengeschäft vorüber. Ich betrachtete die ausgestellten Stücke ohne wirkliches Interesse, wunderte mich jedoch über die hohen Preise. Ein Kunde, der eine alte Blumenvase erstand, griff ohne zu zögern in die Brieftasche und entnahm ihr zahlreiche große Scheine. Er bezahlte weitaus mehr, als wir für unser Tonbandgerät verlangten. Wieso, dachte ich, zahlt jemand für einen alten Gegenstand ohne jeden praktischen Nutzwert so viel Geld, während unser Tonband, ein neues Gerät von hohem Gebrauchswert, einfach keine Käufer findet?

 

In meinen Augen war ein Tonbandgerät viel wertvoller als die Vase, da es einer praktisch unbegrenzten Zahl von Menschen das Leben verschönern konnte. Die fein geschwungenen Linien der Vase würden demgegenüber nur wenige bewundern, noch weniger dürften das teure Stück der Bruchgefahr wegen in die Hand nehmen. Ein Tonbandgerät aber konnte Hunderten, wenn nicht gar Tausenden von Menschen dienen: zur Unterhaltung, zur Belustigung und Fortbildung etwa. Für mich stand völlig außer Frage, daß man mit dem Tonband den besseren Fang machen würde; ich mußte aber anerkennen, daß die Vase für den Antiquitätensammler einen erkennbaren Wert hatte. Seine Gründe, viel Geld für ein solches Kunstobjekt auszugeben, mußte man gelten lassen.

 

Einige meiner Vorfahren hatten für Antiquitäten ebenfalls sehr viel Geld ausgegeben (und ich tat es später auch). Diese zufällige Beobachtung machte mir deutlich, daß wir, wenn wir unser Gerät verkaufen wollten, jene Personen und Institutionen ausfindig machen mußten, die den Wert unseres Produkts aller Wahrscheinlichkeit nach erkennen würden. Uns - eigentlich Tamon Maeda - fiel auf, daß es in der ersten Nachkriegszeit kaum Stenografen gab, weil viele junge Leute von den Schulen geholt und in die Kriegswirtschaft gesteckt worden waren. Den japanischen Gerichten zum Beispiel standen zum Protokollieren des Prozeßverlaufs nur einige wenige, völlig überlastete Gerichtsstenografen zur Verfügung. Nachdem wir durch Ma-edas Vermittlung dem Obersten Gerichtshof unsere Maschine vorgeführt hatten, verkauften wir auf der Stelle beinahe auf einen Schlag zwanzig Stück! Das Gericht erkannte die Nutzungsmöglichkeiten unseres Geräts und mithin seinen Gebrauchswert.
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Die Gerichte und die Schulen waren die ersten Kunden

Akio Morita erzählt:

Es erschien mir logisch, als nächstes an die japanischen Schulen heranzutreten. Bei einer unserer zahlreichen Diskussionen über die anzuwendenden Verkaufsstrategien hatte Ibuka beiläufig davon gesprochen, daß im Mittelpunkt des herkömmlichen japanischen Schulwesens die Unterweisung im Lesen, Schreiben und Rechnen gestanden habe, während die Amerikaner audiovisuellen Lehrmitteln große Bedeutung beimaßen.

 

Das japanische Erziehungsministerium hatte sich den Standpunkt der Besatzungsmacht zwar zu eigen gemacht, aber die wenigen in Japan erhältlichen 16-mm-Lehrfilme waren nicht synchronisiert und daher ohne großen Wert. Da der Englischunterricht während des Krieges untersagt gewesen war, hatten nur wenige Lehrer hinreichende Sprachkenntnisse, um dem gesprochenen Wort folgen zu können; die Schüler selbst verstanden gar nichts.

 

Der Gedanke, statt der englischen Tonspur parallel zum Film ein japanisch besprochenes Tonband laufen zu lassen, setzte sich in den Schulen sehr schnell und landesweit durch. In jedem japanischen Regierungsbezirk war eine zentrale Bildstelle eingerichtet worden, aber alle Filme waren in englischer Sprache gehalten. Die japanische Übersetzung vom Tonbandgerät würde die Verständigungsprobleme lösen.

 

Da amerikanische Lehrfilme überall zum Unterricht gehörten, glaubten Ibuka und ich, daß innerhalb kürzester Zeit alle Schulen ein Tonbandgerät anschaffen wollten. Ibuka stellte außerdem fest, daß alle Schulen über einen gewissen Lehrmitteletat verfügten, so daß wir versuchten, ein kleineres, preiswertes Gerät für den Schulgebrauch zu konstruieren.

 

So entstand der H-Typ, eine mittelgroße Tonbandmaschine, zwar immer noch größer als eine Aktentasche, aber kleiner als ein kleiner Koffer. Das Gerät war robust und anspruchslos und verfügte über nur eine Bandgeschwindigkeit von 7-l/2 Zoll pro Sekunde. Das erste Exemplar dieser Serie erhielten meine Frau Yoshiko und ich 1951 als Hochzeitsgeschenk von der Belegschaft.
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Der Kampf mit den Patenten

Akio Morita erzählt:

Sehr schnell wurden wir in eine neue kriegerische Auseinandersetzung hineingezogen, die sehr lehrreich für mich war und Erkenntnisse zeitigte, die uns später, als wir auf den Auslandsmarkt gingen, sehr zustatten kamen. Zum Beispiel hatten wir uns im Interesse einer einwandfreien Aufzeichnung und Wiedergabe für das von Dr. Kazuo Nagai entwickelte Wechselstrom- Hochfrequenz- Vormagnetisierungsverfahren entschieden.

 

Inhaber des Patents war die Anritsu Electric, damals wie heute eine Tochter der Nip-pon Electric Company (NEC). Das Patent zu erwerben, reichten unsere Mittel jedoch nicht hin, so daß wir uns 1949 mit der NEC die Nutzungsrechte teilten. Dr. Nagai hatte sein Verfahren im Dezember 1941 auch in den Vereinigten Staaten angemeldet und der Library of Congress und anderen Stellen bereits Monate zuvor den Gegenstand seiner Erfindung beschrieben. Allerdings wurde ihm in Amerika kein Patent erteilt, vermutlich, weil er sich für die Anmeldung gar keine unglücklichere Zeit hätte aussuchen können. Aber interessierte amerikanische Kreise hatten zu seiner Erfindung Zugang.

 

Sobald wir uns mit der NEC einigten, informierten wir weltweit alle Bandgerätehersteller, daß wir nunmehr das Patent auf das Wechselstrom-Vormagnetisierungsverfahren besäßen, und boten Lizenzen an. Gleichzeitig wiesen wir darauf hin, daß von uns nichtlizenzierte, auf dem Nagai-Verfahren basierende Tonbandgeräte in Japan nicht verkauft werden durften. Mehrere Unternehmen ließen uns wissen, daß sie am japanischen Markt nicht interessiert wären und daher in einer Lizenznahme keinen Sinn sähen. Daß im Ausland von dem Verfahren unlizenzierter Gebrauch gemacht wurde, wußten wir, nur konnten wir dagegen nicht einschreiten.
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Anmerkung:
Nach den historischen Unterlagen des Autors hatten sowohl mehrere Amerikaner, ein Russe als auch die beiden Deutschen von Braunmühl und Weber (ab 1940) diese (HF Bias) Technik nacheinander oder nebeneinander entdeckt. Aber außer den Deutschen hatte niemand auf der Welt einen nennenswerten Gebrauch oder gar einen wirkliuchn Nutzen daraus gezogen.

Nach dem verlorenen 2.Weltkrieg hatten die Siegermächte alle Patende der Verlierer als null und nichtig erklärt. Es ist nicht ganz schlüssig, wieso auf einmal ein Japaner bei NEC eine neues Patent auf bereits vorhandenes Wissen erteilt bekommen habens soll. Man hätte es anfechten könne, doch das war in Japan aus kultureller Sicht nicht opprtun.

Über diese Balcom - NEC - SONY Streitgkeiten gibt es (in für uns lesbaren westlichen Sprachen) nur verworrenes Material, auch sind die (japanischen) Gerichtsakten offensichtlich nicht öffentlich.

Es gibt in dem Buch auch überhaupt keine Aussagen über den (bereits 1932) patentierten Ringkopf von Schüller und woher die Japaner das wußten, da der Magnetkopf ja bis heute für jedes Magnetbandgerät unabdingbar notwendig ist.

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Balcom - Sony und der Rest der Welt

Akio Morita erzählt:

Eines Tages wurde Ibuka telefonisch aufgefordert, sich beim für das Patentrecht zuständigen Offizier im Hauptquartier der Besatzungsmacht zu melden. Bei solchen Aufforderungen war seinerzeit stets damit zu rechnen, von den Schatten der Vergangenheit eingeholt oder wegen irgendeiner unbewußten Rechtsverletzung eingesperrt zu werden. Ibuka war daher so besorgt, daß er seine Frau telefonisch von der Vorladung in Kenntnis setzte.

 

Der Offizier erkundigte sich in allen Einzelheiten nach unserem Patentanspruch, während Maeda den Dolmetscher spielte. Ibuka hatte in weiser Voraussicht alle Dokumente bei sich, die den Erwerb und den Umfang des Patents betrafen. Nachdem der Offizier die Belege sorgfältig geprüft hatte, lehnte er sich lächelnd zurück, bot den beiden zu ihrer großen Erleichterung eine Tasse Kaffee an und bestätigte die Rechtmäßigkeit des Erwerbs.

 

Kurze Zeit später erfuhren wir, daß die Tokioter Balcom Trading Company Tonbandgeräte aus Amerika importierte. Wir machten schriftlich darauf aufmerksam, daß der Vertrieb von Geräten dieser Art lizenzabhängig sei, aber unser Schreiben wurde ignoriert. Deswegen beschlossen wir, eine richterliche Anordnung gegen die Firma zu erwirken. Für uns bedeutete dies eine schwerwiegende Entscheidung; denn japanische Gerichte verlangen vor einem Zivilprozeß von der klagenden Partei eine am Streitwert orientierte, sehr hohe und grundsätzlich verlorene Klageerhebungsgebühr, um sich leichtfertige Prozessierer, aber auch Bagatellsachen vom Leibe zu halten. Wenn wir also vor Gericht ziehen wollten, mußten wir zunächst sehr viel Geld investieren. Wir waren unserer Sache jedoch sehr sicher, hatten wir inzwischen doch sozusagen den Segen der Besatzungsmacht.

Anmerkung:
Aus Sicht des Autors ist dies eine "sehr verklärte" Darstellung der damaligen Sachverhalte. Vermutlich importierte Balcom so ab 1948/1950 die ganz frühen Ampex Geräte, sodaß die Amerikaner in Japan hellhörig wurden. Auch wurden in Japan für uns nicht immer nachvollziehbare landestypische Gerichtsentscheidungen getroffen. Schon alleine die völlig andere Sprache (und natürlich die Schrift) war und ist ein sehr großes Hemmnis.

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Der Sieg über Balcom war der Beginn unseres Erfolges

Akio Morita erzählt:
Das Gericht erließ eine einstweilige Anordnung.
Schnurstracks begaben wir uns in Begleitung eines Justizbeamten zum Zollager der Firma und klebten ein Gerichtssiegel an die Tür. Bis zur endgültigen Urteilsverkündung waren die Geräte Balcoms Zugriff also entzogen. In der Lokalpresse machte der Fall Schlagzeilen. Nach Ansicht der Zeitungen war es als seltener Beweis japanischer Unabhängigkeit zu sehen, daß sich ein kleines inländisches Unternehmen großen amerikanischen Herstellerfirmen trotzig in den Weg stellte.

Die Balcom-Verantwortlichen wurden fürchterlich wild, denn sie hatten vom amerikanischen Gerätehersteller erfahren, daß dieser vor Aufnahme der Produktion von der Firma Armour Research eine Lizenz erworben hatte. Armour Research selbst fühlte sich zur Lizenzvergabe berechtigt, da die Firma sich das Vormagnetisierungsverfahren in Amerika hatte patentieren lassen. Ebenfalls aufgebracht, schickte Armour daher Donald Simpson, den Firmenanwalt, nach Japan.

In ihm lernte ich erstmalig einen amerikanischen Juristen kennen. Simpson war ein zäher Gegner, ein Kontrahent, der mich sehr beeindruckte. Wir konnten jedoch nachweisen, daß Dr. Nagais Verfahrensbeschreibung in englischer Sprache in den USA bereits vorlag, noch ehe Armour Research das Patent darauf erhielt. Da Dr. Nagais Verfahren als allgemein bekannt angesehen werden müsse, argumentierte ich, sei das Vormagnetisierungsverfahren in den Vereinigten Staaten ja wohl kein schutzwürdiges geistiges Eigentum mehr, womit auch die Patentfähigkeit nicht mehr gegeben sei. Ich drohte, in die USA zu fahren und das Patent für ungültig erklären zu lassen. Als schließlich in der Hauptsache verhandelt werden sollte, wurde Dr. Nagais Patentanspruch von Armour anerkannt.

Der Streit hatte sich über drei Jahre hingezogen. Im März 1954 schlossen wir endlich einen Vergleich, wonach uns für jedes in Japan verkaufte Tonbandgerät Lizenzgebühren zustanden - sofern das Aufzeichnungsverfahren auf dem Nagai-Prinzip beruhte.

Ich verpflichtete mich, nicht gegen Armour vorzugehen.
Als Gegenleistung bekamen wir das Nutzungsrecht an dem in USA weiterhin geltenden Armour-Patent, so daß wir unsere eigenen Geräte lizenzgebührenfrei dorthin exportieren konnten. Außerdem waren wir berechtigt, anderen japanischen Herstellern Unterlizenzen zu erteilen: im Falle fremder Amerika-Exporte stand uns die Hälfte der Lizenzgebühren zu.
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Anmerkung:

Von Lizenzahlungen an SONY hatten weder Telefunken (als Nachkriegs-Lizenzgeber) noch Studer noch Grundig (als europäische Lizenznehmer) irgendwelche Informationen nach draußen gegeben. Dieser Teil der SONY Geschichte liegt weiter arg im Dunklen. Wir arbeiten dran.

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Ab 1952 ging es steil aufwärts

Der Gedanke, die Auslandsmärkte zu beschicken, war uns schon sehr früh gekommen. Ibuka und ich hatten also ausgedehnte Geschäftsreisen in Kauf zu nehmen. Als das Tonbandgeschäft 1952 schon sehr gut lief, beschloß Ibuka, nach Amerika zu fliegen, um festzustellen, aufweichen Gebieten Tonbandgeräte Verwendung fanden. Außerdem gedachte er, sich über die Produktionsverfahren zur Herstellung der Ton-Bänder selbst zu informieren.

Ibuka konnte kaum Englisch, kam aber zurecht und machte wertvolle Beobachtungen. Zu seiner Enttäuschung bemerkte er, daß Tonbandgeräte zwar in manchen Sprachlabors verwendet wurden, an den amerikanischen Schulen jedoch längst nicht so häufig wie bei uns anzutreffen waren. Noch mehr enttäuschte es Ibuka, daß kein amerikanischer Magnetbandhersteller Besuchern die Fabrikationsstätten zeigte.

Dennoch brachte uns seine Reise großen Nutzen.
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