Sie sind hier : Startseite →  (7) Von Tonwalze bis Bildplatte→  W. Bruch - Hist. Artikel Nr. 42 ...

Aus der Funkschau 1982 Heft Nr. 17 und 18
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 42 und 43 (von 72)

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1982

.

Auch ein Franzose
Paul Andre Marie Janet hatte solche Ideen

In der Rückschau meint man, daß auch die Veröffentlichungen des Franzosen Paul Andre Marie Janet, zur selben Zeit wie Oberlin Smith, die Tonbandentwicklung hätten beeinflussen können. Von Janet wurde erzählt, er habe seine Magnetisierungseinrichtung benutzen wollen, um magnetische Oszillogramme aufzuzeichnen. Doch darüber ist jedoch nichts überliefert. Die Ausbildung seiner Magnetisierungseinrichtung als das, was wir heute einen schmalen Spalt nennen, könnte dafür sprechen.
.

Bild 13. Quermagnetisierungs- schleife nach Janet
Bild 14. Original-Feldbild von Janet (1887/ 88)
Bild 15. Die Einwindungsspule als Aufnahme- und Wiedergabe-„Kopf"

Wegen des geringen Abstandes einer Hin- und Rückleitung nach Schweigger war der geschlitzte, am Ende kurzgeschlossene Metallzylinder für die „Quermagnetisierung" außerordentlich wirksam (aufgrund seiner Beschreibung [13] in Bild 13 nachgezeichnet).

Janet hat die Wirkung seiner Einwindungsspule nicht nur berechnet, sondern uns von ihr auch ausgezeichnete Feldlinienbilder hinterlassen, aufgenommen auf mit Eisenpulver bestreutem Papierband (Bild 14). Dies sind die ersten Aufnahmen von einer als „elektromagnetischer Spalt" wirkenden Konstruktion.

Die Einwindungsspule, deren Feldbild sehr einfach zu berechnen ist, wenn nur ein Leiter davon auf die Magnetschicht wirkt (Bild 15) wird auch heute noch gelegentlich für Meßzwecke benutzt. Der Einfluß eines Eisenkernes auf das Feldbild und seine remanenten Eigenschaften brauchen nicht berücksichtigt zu werden.

Das war wohl auch der Grund dafür, daß Curt Stille in den 30er Jahren mit einem zum Band quergelegten Messingröhrchen exzellente Musikaufnahmen gemacht haben will (vgl. auch Bild 3). Die Erteilung einer damals dem Verfasser (Walter Bruch) vorgelegten, sich darauf beziehenden Patentanmeldung ist ihm aber nie bekannt geworden.

Der Anfang: Poulsens Telegraphon

1900, Pariser Weltausstellung: Sensationell, was der Däne Valdemar Poulsen im Elektrizitätspalast ausstellt. Er zeigte ein Gerät mit einem um eine Walze gewickelten Stahldraht, auf dem die Besucher ihre Stimme über ein Mikrofon magnetisch speichern und danach in Telefonhörern wieder abhören konnten. Durch intensive Ummagnetisierung konnte die alte Aufnahme gelöscht und der Draht für eine Neuaufnahme vorbereitet werden, so daß immer wieder neue Interessenten ihre Stimme aufnehmen konnten.

Ähnlich wie sich einst die Kunde von Edisons Phonograph mit Windeseile über die ganze Welt verbreitete, so ging es auch mit Poulsens „Telegraphon", wie er das Gerät genannt hatte. Alle elektrotechnischen Zeitschriften schrieben darüber, denn hier war Elektrotechnik im Spiel. Nicht der Schall selbst - wie bei Edison und Berliner - zeichnete hier auf, sondern ein davon abgeleitetes elektrisches Signal. Ein entsprechendes Signal wurde auch wieder abgenommen und im Telefonhörer als Schall wiedergegeben, und das von einem homogenen Stahlmaterial, gewöhnlichem Klaviersaitendraht!

Die Untersuchungsmethode eines "Spielzeuges" ?

Bild 16. Mit diesem einfachen, einem Rechenschieber nachgebildeten Modell ließ sich die Funktionsweise des Edison-Phonographen demonstrieren
Bild 17. Auch Poulsen begann das Studium der magnetischen Tonaufzeichnung an einem linear ausgespannten Stahldraht [15]
Bild 18. Bildseite aus dem ersten deutschen Patent von Poulsen, angemeldet 1898 [9]

Die Untersuchungsmethode in Poulsens erster deutschen Veröffentlichung in den Annalen der Physik [15] erinnert an ein Spielzeug, mit dem man Edisons Aufzeichnungsverfahren demonstrieren konnte [14].

Mit einem Gebilde, ähnlich einem Rechenschieber (Bild 16)
, konnte man durch schnelles Schieben des Abtasters auf einfache Weise die Wirkung der Abtastung einer Tonwalzenrille simulieren.

Ähnlich fing Poulsen seine ersten Untersuchungen an. Mit einem auf einem Brett ausgespannten Stahldraht von 1,5 m Länge (Bild 17) und einem hin-und herschiebbaren Magnetkopf begann er zu experimentieren.

In Deutschland wurde Poulsens erstes Patent
im Dezember 1898 angemeldet [15]. Auf dem zugehörigen Bild (Bild 18) finden sich sowohl die Aufzeichnung auf Draht (Fig. 1) als auch die auf Stahlband (Fig. 2). Beide Ausführungen wurden schon im Jahre 1900 verwirklicht und vorgeführt.

Poulsen hat nie daran gedacht, aus dem Gerät einen Phonographen zu machen. Schon die Überschrift in Bild 18 weist darauf hin: „Verfahren zum Empfangen und zeitweisen Aufspeichern von Nachrichten, Signalen o. dgl."

Er wollte einen Speicher für telefonische und telegrafische Nachrichten, die nach der Verwertung wieder gelöscht wurden. Daher kommt auch der Name „Telegraphon", eigentlich „Fernschreiber".

.

Es sollte nicht „Telephonograph" heißen

Als man für sein Gerät den Namen „Telephonograph" vorschlug [16], wehrte er sich dagegen in einer Einsendung an die ETZ im Jahre 1901 [17]. Darin schreibt er u. a.:

  • „Das Prinzip meiner Erfindung ist so weitfassend, daß es auch solche Variationen magnetischer Permanenz umfaßt, deren Entstehung mit dem Begriff Schall in keiner Beziehung steht "

.

Es könnte der Anfang der Tonband- Entwicklung gewesen sein . . . .

Und doch haben wir bei Poulsen den Anfang der Tonbandentwicklung zu suchen. Wenn auch diese Bezeichnung noch lange nicht gebräuchlich war, zumal Poulsen zunächst vornehmlich mit Stahldraht arbeitete. Ein früher Gebrauch des Wortes „Tonband" für ein Schallband anderer Art findet sich beispielsweise 1914 in einem Patent (ermittelt von Dipl.-Phys. Helmut Drubba).

Über Valdemar Poulsen (1869 bis 1924)

Bild 19. Valdemar Poulsen (1869-1924)

Wer war nun dieser Erfinder, dessen Name von 1900 an weltweit bekannt wurde? Valdemar Poulsen (1869 bis 1924) (Bild 19), geboren in Kopenhagen, hatte zuerst Medizin studiert und war während dieses Studiums zur Elektrotechnik übergewechselt. Als Fehlersucher einer Telefongesellschaft in Kopenhagen empfand er das Bedürfnis, Telefongespräche und auch Telegramme für kurze Zeit aufzuzeichnen. So entstand das Telegraphon.

Wie so mancher Erfinder hätte sich Poulsen mit einem Patent und einigen Mustern zufriedengeben können. Geschäftstüchtig und andere für seine Erfindung begeisternd, gründete der Dreißigjährige jedoch eine Verwertungsfirma, die „Aktieselkabet Telegrafonen Patent Poulsen" in Kopenhagen und fand Lizenznehmer in Deutschland und Amerika.

Poulson hatte 1903 auch den Lichtbogensender erfundenen

Berühmter wurde er durch den 1903 erfundenen Lichtbogensender, mit dem erstmals ungedämpfte elektrische Schwingungen für die drahtlose Telefonie erzeugt werden konnten. Auch als später die Röhrensender aufkamen, benutzte man noch Poulsen-Sender. Jene Rundfunksendungen, die von 1920 ab Beamte der Deutschen Reichspost von Königswusterhausen ausstrahlten - ehe 1923 der Deutsche Rundfunk in Berlin geboren wurde -, kamen von einem Lichtbogensender von 4 kW und wurden in ganz Europa gehört. Auch eine Übertragung von Madame Butterfly aus der Berliner Staatsoper in „live" war 1921 dabei.

Medallien und Ehrungen en Mass

Bild 20. Kaiser Franz Joseph von Österreich (1830-1916), dessen Aufnahme man aufhob, verdanken wir die einzige nicht gelöschte Stahldrahtaufnahme des „Ur"-Tele-graphons (von 1900)
Bild 21. Eines der Stahldrahtgeräte von 1900: Spulenlänge ca. 38 cm, Durchmesser ca. 12 cm, 380 Windungen im Abstand von 0,5 mm, ca. 150 m Draht, Abtastgeschwindigkeit ca. 3 m/s; damit wurden 50 Sekunden Aufnahmezeit, also weniger als eine Minute erreicht

Ein solcher Mann wurde vielfach geehrt: Mit einer Goldmedaille für das Telegraphon fing es 1900 auf der Weltausstellung in Paris an; als deutsche Ehrung sei die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig erwähnt.

Während es aus der Anfangszeit der Wachswalze und der Schallplatte Aufnahmen in Archiven und bei Sammlern gibt, die den damaligen Stand der Technik zu demonstrieren gestatten, wäre uns von dem nur für kurzzeitige Speicherung bestimmten Telegraphon keine Maschine erhalten geblieben, hätte nicht auf der Weltausstellung in Paris 1900 ein Kaiser darauf gesprochen.
.

Der Kaiser von Österreich sprach 1900 auf solch ein Gerät

Das erste Gerät hatte der Begründer des „Technologischen Gewerbemuseums" in Wien erworben und darauf als Besucher der Ausstellung Kaiser Franz Josef von Österreich (1830-1916) (Bild 20) sprechen lassen. Aus dem Drahtwalzengerät hatte man die Walze mit der Kaiserstimme (Bild 21) gegen eine andere ausgetauscht und sie im Museum aufbewahrt. Vor einigen Jahren entdeckten sie Studenten, ergänzten sie zu einer Abspieleinrichtung und übertrugen den Inhalt auf ein modernes Tonband.

Anläßlich eines Vortrages im „Internationalen Radioclub" in Wien überreichte man mir, dem Sammler historischer Stimmen, eine Kopie auf Tonband. Mit beachtlicher Qualität hört man, was am 20. September 1900 aufgesprochen wurde:

  • "Seine Majestät der Kaiser hatte die Gnade, diese Worte anläßlich höchst seines Besuches in Ausstellung der österreichischen Erwerbungen auf der Pariser Weltausstellung in den Apparat zu sprechen."


Dann der Kaiser mit österreichischem Timbre in der Stimme:

  • "Diese Erfindung hat mich sehr interessiert, und ich danke für die Vorführung derselben!"

.

Ein Messingzylinder mit Klaviersaitendraht

Bild 22. Der Kopf des Stahldraht- gerätes. Er wird von der Drahtwindung geführt wie die Schalldose in der Rille des Grammophons
Bild 23. Ein Poulsen-Stahlbandgerät (1900): Stahlband 3 mm breit, 0,05 mm dick, Bandgeschwindigkeit 2 m/s (1,8 km Band für eine Viertelstunde Aufzeichnung)
Bild 24. Ein Poulsen-Spulen-Drahtgerät (1900); mit Motorantrieb hat es schon viele Merkmale der Geräte der 20er Jahre: Vorwärts / Rückwärts-Schaltung u. a. m. (Foto: Deutsches Museum)
Bild 25. In dieser Konstruktions- zeichnung von 1899 (Poulsen, britisches Patent 8961) findet sich auch schon eine Schwungmasse zur Laufberuhigung

Und so sah der Apparat aus (Bild 21): Auf einem dünnwandigen Messingzylinder mit Gewinde, den man drehen konnte, war in den Gewinderillen ein dünner Klaviersaitendraht in engen sich nicht berührenden Windungen aufgewickelt.

Der Draht wurde von den beiden Polen eines Elektromagneten umfaßt (Bild 22), der dadurch wie auf einer Schiene beim Drehen des Zylinders geführt wurde.

Derselbe Elektromagnet diente zum Löschen (Löschkopf), zum Besprechen (Aufnahmekopf) und zum Abhören (Wiedergabekopf).

1900 wurde von Poulsen aber auch schon ein Stahlbandgerät realisiert, wie es schon in der Patentschrift (Bild 18, Fig. 2 und 3) vorgeschlagen war (Bild 23).

Beide Geräte wurden von J. H. West am 28. Oktober 1900 ausführlich im Elektrotechnischen Verein in Berlin beschrieben und anschließend den Interessenten über Kopfhörer vorgeführt.

Dazu bemerkte der Vortragende:

  • "Sie werden sich überzeugen, daß die Apparate die Töne klarer und schöner wiedergeben als der Edisonsche Phonograph und daß die lästigen Nebengeräusche, die diesen charakterisieren, bei dem Telephonographen nicht auftreten."

.

Ein Drahtspulengerät mit
Quermagnetisierung

Poulsen arbeitete auch bei dem Stahlbandgerät mit Quermagnetisierung, und zwar mit einem Kopf mit zwei Spulen (nach Bild 22).

Bei ausreichender Aufzeichnungsqualität konnte er auf 3m/s Band- bzw. Drahtgeschwindigkeit herabgehen, später auf 2m/s. Um die Spielzeit zu verlängern, baute er auch ein Drahtspulengerät (Bild 24).

All diese Aktivitäten entwickelte er um 1900.
Seine Patentanmeldungen, besonders die englischen aus dem Jahr 1899, zeigen ihn, unterstützt von Mitarbeitern, als begabten Konstrukteur. Als Beispiel möge dies Bild 25 veranschaulichen. Er erkannte aber auch, daß man magnetische Tonspuren auf einer Fläche nebeneinanderlegen kann.

Das führte 1902 zu einer Patentanmeldung [20], in der ihm das geschützt wurde. 1903 entstand daraus das Plattengerät (Bild 26 - kommt im nächsten Artikel !!!).

Es arbeitete mit bequem auswechselbaren Stahlplatten ohne Rillen. Damit war die erste Etappe der Aufnahmetechnik auf Stahl abgeschlossen. In den nächsten 20 Jahren kam nichts Nennenswertes mehr dazu.
.

- Werbung Dezent -
© 2001/2017 - Copyright by Dipl. Ing. Gert Redlich - Germany - Wiesbaden - Impressum und Museums-Telefon - zur RDE-Seite - NEU : Zum Flohmarkt