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Aus der Funkschau 1983 Heft Nr. 05/06
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 56 /57 (von 72)

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1982
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Eine deutsche Erfindung
geht um die Welt

Unverhohlene Anerkennung zollten die nach der Invasion mit den alliierten Truppen in Paris einziehenden amerikanischen und englischen Kriegsberichterstatter den Tonbandgeräten ihrer Kollegen von der deutschen Wehrmacht - einer Entwicklung, die an ihren Ländern mehr oder minder vorbeigegangen war.
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Als den Amerikanern dann im Verlauf ihres Vormarsches Radio Luxemburg völlig intakt in die Hände fiel, mit drei der modernsten Studiomagnetofonen, da waren sie erstaunt über die klangreine Musik, die diese Geräte wiedergeben konnten - Musik ohne die von ihren Geräten kommenden Nebengeräuschen.

Aufgrund der begeisterten Berichte, die nach Amerika und England kamen, wurde von dort veranlaßt, daß Nachrichteningenieure nach der Besetzung Deutschlands alles über die Technik dieser Geräte und die Herstellung des „Wundertonbandes" erkundeten und in wissenschaftlichen Berichten zusammenstellten.

Eine originelle Story aus dem Sender Luxemburg

Von den Magnetbandgeräten im Sender Luxemburg wird eine originelle Story berichtet. Über diesen Sender, der weit nach Deutschland hineinstrahlte, wollte General Eisenhower sich in einer Rede, die man auf einem der Tonbandgeräte aufgezeichnet hatte, an die deutsche Bevölkerung wenden. Auf dem dafür verwendeten Band waren vorher deutsche Propagandasendungen aufgezeichnet.

Unbekannt blieb, welche Art von Manipulation an dem Gerät vorgenommen worden war, jedenfalls kamen plötzlich während „Ikes" Rede Reste der alten Aufzeichnung durch. Etwa zwei Minuten während der Ausstrahlung war seine Stimme von der unverkennbaren, brüllenden Stimme Hitlers untermalt.

Sofort danach kam der Befehl, daß für solche wichtigen Aufzeichnungen nur noch neue, jungfräuliche Bänder verwendet werden dürften und daß dazu so schnell wie möglich eine deutsche Bandfabrikation wieder in Gang gesetzt werden sollte.

Ob diese Story hier wahr ist oder ob sie von BASF-Mitarbeitern geschickt erfunden wurde - sie war jedenfalls hilfreich für die Wiederinbetriebsetzung einer Fabrik zur Tonbandherstellung in der späteren amerikanischen Besatzungszone. (Eine andere Version dieser Story steht hier.)

  • Anmerkung: Die Engländer (Agfa-Leverkusen), die Franzosen (BASF Ludwigshafen) und die Russen (Agfa Wolfen - später ORWO) hatten in ihren Besatzungszonen jeweils eine solche Fabrik geerbt bzw. vorgefunden, nur die Amerikaner hatten keine - und  - sie machten sich eben eine. Die Firma Anorgana in Gendorf/Obb. stellte später Genoton Bänder her.

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Die "Sieger" hatten es schlichtweg verpennt.

Das AEG K2 von 1936

Sowohl in Amerika, als auch in England hatte man diese Entwicklung regelrecht verschlafen. Gerade bei den Engländern ist das erstaunlich. Hatte doch die BBC schon in den 30er Jahren als erste Rundfunkanstalt der Welt die magnetische Tonaufzeichnung in den täglichen Sendebetrieb eingeführt - wenn auch mit dem unhandlichen Stahlband.

Wahrscheinlich waren es gerade die unbefriedigende Aufzeichnungsqualität dieser Stahlbandtechnik (im Vergleich zur hohen Qualität der Philmil-Aufzeichnung und des Folien- schnittes) sowie die schlechten Eindrücke, die BBC-Ingenieure von den allerersten deutschen Tonband- vorführungen (AEG K1 und AEG K2) gewonnen hatten, welche die BBC veranlaßten, die Tonbandentwicklung nicht zu nutzen.

Die BBC nahm immer noch auf Schallfolien und Stahlband auf

Für uns ist es kaum vorstellbar, daß im Zweiten Weltkrieg die BBC einen großen Teil ihrer Kriegsberichte mit eigenentwickelten, batteriebetriebenen Geräten noch auf Folien geschnitten hatte.

Und nur an den Orten, an denen diese erschütterungsfrei und waagerecht aufzustellenden Geräte nicht einsetzbar waren, benutzte man in Amerika gekaufte magnetische Aufzeichnungsgeräte mit Stahldraht. Das von General Electric gebaute Gerät hatte 2,5cm dicke Spulen von 10cm Durchmesser und konnte 66 Minuten bei minderer Qualität aufzeichnen (33 Minuten - schneller laufend - bei besserer Qualität [66]).

Gerühmt wird sein Einsatz für Kriegsberichte anläßlich der Landung in Salerno. Noch 1948, bei den ersten Olympischen Spielen der Nachkriegszeit, mußte die BBC diese aus unserer Sicht völlig veralteten Geräte einsetzen.

1948 hatten dann auch die Engländer ein Profibandgerät von EMI

Bild 88. BIOS-Report 207:
Titelseite des Berichts

1948 war dann auch das Jahr, in dem das erste englische professionelle Tonbandgerät von der EMI der BBC zur Verfügung gestellt wurde. Man hatte für den Einstieg in diese Technik die Reports zur Verfügung, die von den Nachrichtenoffizieren der Alliierten in Deutschland über das Magnetofon und die Tonbandfabrikation zusammengestellt waren. Eine Auswahl davon findet man in [67], und Bild 88 zeigt das Titelblatt eines solchen Berichtes. Auch die BBC hatte eigene Berichte anfertigen lassen, z. B. [68].

Hier der Text aus dem Titel des Berichts/Reports :

  • FINAL REPORT No 207 - ITEM. No 9
  • THE "MAGNETOPHON" OF A.E.G.
  • 150 HOHENZOLLERN DAMM - BERLIN / GRUNEWALD.
  • This report is issued with the warning that, if the Patent applications, the publication cannot be held to give any protection against action for infringement.*
  • BRITISH INTELLIGENCE OBJECTIVES SUB -COMMITTEE.
  • LONDON - H.M. SIATIONERY OFFICE.

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Eigentlich haben es die Engländer seit 1933 gewußt . . .

Wenn schon die BBC dem Tonbandgerät skeptisch gegenüberstand, warum haben dann die englischen Firmen, die mit der AEG im Patent- und Erfahrungsaustausch standen, keinen Gebrauch von diesen Informationen gemacht?

Z. B. hatte die British Thomson Houston aufgrund eines solchen Erfahrungsaustausches 1933 in England das Ringkopfpatent von Schüller wortgetreu übersetzt als englisches Patent innerhalb der Prioritätsfrist angemeldet und erteilt bekommen [69].

Da im britischen Patent der Erfinder nicht genannt wird, ist doch tatsächlich in der Literatur aufgetaucht, daß die Cross-Field-Technik - nach Schüller in diesem Patent offenbart - von Thomson Houston stammt.

Zwei Namen schrieben in den USA Geschichte, John Mullin und Richard Ranger

In Amerika brachten zwei aus Europa zurückgekehrte Nachrichtenoffiziere die Tonband- und Tonbandgeräte-Entwicklung in Gang. Da war einmal Colonel Richard H. Ranger, der die Firma Rangertone gründete, und dann John T. Mullin, der seine Erlebnisse als GI in Europa auf der Suche nach Magnetofonen mehrfach ausführlich geschildert hat (z. B. in [70].
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  • Anmerkung : Dazu gibt es mehrere detaillierte Geschichten hier im Magnetband- Museum, die das alles etwas anders darstellen. Vor allem der Entertainer Bing Crosby spielte eine weit größere Rolle als Katalysator für die Entwicklung des Ampex Magnetofone-Clones.

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Neben den Geräten, die Mullin dienstlich für die Armee besorgte, hatte er für sich privat zwei Magnetofone und 30 Bänder „organisiert". Da die Paketgröße für Sendungen eines GI in die Heimat größenmäßig begrenzt war, mußte er die Geräte zerlegt in 35 Paketen (zu seiner Mutter) nach San Franzisco schicken. Dort setzte er sie nach seinem Ausscheiden aus der Armee 1946 wieder zusammen und führte sie vor 250 Gästen (Anmerkung : einschließlich dem berühmten Bing Crosby !!!) in einem Filmstudio vor.
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Bild (89) Erstes amerikanisches Bandgerät (1946): Der Brush-Soundmirror-Recorder BK 401 arbeitete noch mit beschichtetem Papierband von 1/4 Zoll Breite

Die Demonstration begeisterte die Audio-Experten. Die Firma Ampex regte sie an, die Entwicklung und den Bau solcher Magnetbandgeräte (ANmerkung: nach dem Muster der AEG K4) aufzunehmen.

Erste Tonbandgeräte und die Tonbänder dazu gab es von der Brush Development Corp. für ihr Gerät Soundmirror (Bild 89) schon (Anmerkung: lange vor) 1946 auf Papier als Träger.

Es folgte die Firma 3M, zunächst ebenfalls mit einem Papierband und dann 1947 mit dem ersten amerikanischen Kunststoffband.

Bis etwa 18 Jahre nach Pfleumers erstem Papierband war man in Amerika immer noch beim Papierband !! Doch dann kam der Fortschritt amerikanisch schnell, und zwar nicht zuletzt aufgrund der ausführlichen Reports über die deutsche Technik.
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Doch zurück zu Deutschland nach dem April 1945

Was geschah in Deutschland nach dem Zusammenbruch (April 1945) ? Dem deutschen Normalbürger war die Magnetband- Aufzeichnungstechnik unbekannt geblieben. Er hatte sich keine Gedanken darüber gemacht, woher immer wieder dieselben Reden der damaligen Machthaber kamen.

Nur wenige hatten die Zeitungsberichte über die spektakuläre Vorführung des Hf-vormagnetisierten Magnetofons 1941 im UFA-Palast am Zoo in Berlin vor geladenen Gästen mit der Wiederholung dieser Reden in Zusammenhang gebracht.

In der Presse vom 12. Juni 1941 hatte man euphorisch darüber berichtet, z. B. unter der Überschrift: „Magnetton, eine neue Spitzenleistung deutscher Technik. Tonwiedergabe in höchster Vollendung".
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Die AEG produzierte bis April 1945 insgesamt 3332 Bandgeräte

Ein wie wertvoller Helfer das Tonband dem Naziregime geworden war, kann man aus den enormen Mengen ersehen, in denen dieses Tonband fabriziert wurde. In einem alliierten Bericht finden sich die Produktionszahlen der Fabriken Ludwigshafen und Wolfen für die Zeit vom Kriegsausbruch am 1. September 1939 bis 1944 [71].

Danach wurden 174.090 km Band ausgeliefert. Damit hätte man mehr als viermal die Erde umspannen können. Der Bericht nennt auch die Zahl der hergestellten Magnetofongeräte: 3332 Stück.
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Mit Tonband die Tomaten festgebunden

Im Verlauf der Weiterentwicklung war zu dem ersten Band auf Filmbasis das zähe braune Kunststoffband gekommen. In Berlin, in dem der Verfasser während der ersten Jahre nach Kriegsende lebte, tauchten 1945 Reste dieser braunen Plastik-„Schnürsenkel"-Bänder merkwürdig zweckentfremdet wieder auf.

In den Balkonkästen wurden die dort eingepflanzten Tomatenstauden damit hochgebunden; so kamen sie im Volksmund zu dem Namen „Tomatenbänder". In einem Laden nahe dem Kurfürstendamm wurden sie, wie Bindfaden oder Wolle zu einem Knäuel aufgewickelt, auch verkauft und für Handarbeiten empfohlen. Die Aufzeichnungen darauf, manche historisch erhaltenswert, sind so verlorengegangen.

Genoton band von 1948

Bald schon Tonbandfabriken in allen 4 Besatzungszonen

Die Besatzungsmächte setzten die Tonbandfabriken jedoch bald wieder in Betrieb, zuerst die Amerikaner eine nach Waldmichelsbach in ihrer Zone ausgelagerte Fabrik, die schon im April 1945 wieder die ersten Bänder lieferte.

Die Russen hatten Wolfen und Gendorf ?? (scheinbar nur für ganz kurze Zeit, dann waren dort in Oberbayern die Amerikaner), und die Engländer veranlagten die Agfa - wie die BASF aus dem IG-Farben-Konzern herausgelöst -, in Leverkusen, eine Bandfabrik zu errichten; von dort kamen 1948 die ersten Bänder.

Die Franzosen ließen die von Bomben verschütteten Maschinen in der Stammfabrik Ludwigshafen ausgraben und wieder herrichten. So konnte auch für sie ab Ende 1946 wieder Tonband geliefert werden.

Der Südwestfunk bekam 16 Magnetbandgeräte R22

Bild 90. Magnetophon KL 15: erstes semiprofessionelles Koffer-Tonbandgerät der AEG (1951; Bandgeschwindigkeit 19 cm/s, drei Tonköpfe, Frequenzbereich 50 10 000 Hz, Preis 890 DM)
Bild 91. Zusatz: Er machte das KL 15 zum Plattenspieler (Preis 54 DM)

Den Franzosen war in dem von ihnen besetzten Sektor im Norden von Berlin auch die Magnetofonwerkstatt der AEG zugefallen. Dort fanden sich noch viele Einzelteile für das zuletzt entwickelte Magnetofon K8. Mit diesen Bauteilen konnten 16 Geräte zusammengestellt werden, ihre Verteilung übernahmen die Franzosen.

Zwei der ersten Geräte erhielt der neue Rundfunk in der französischen Zone, der Südwestfunk. Diese für die RRG speziell entwickelten Geräte hatten die Bezeichnung R22 und R22a (Stand K4), mit Hf-Vormagnetisierung R122 und Rl22a.

Wie die Entwicklung der professionellen Magnetbandgeräte weiterging, wäre eine ausführliche Darstellung wert. Wir wollen uns jedoch darauf beschränken, auf Änderungen hinzuweisen, die aus den professionellen Magnetofonen Heimgeräte machten.

Von der AEG war das 1951 erschienene KL 15 ein Gerät in dieser Richtung (Bild 90). Da in diesen Jahren der elektrische Plattenspieler immer größere Verbreitung fand, entwickelte man zum KL 15 eine Zusatzeinrichtung (für nur 54 DM), mit der man 78er Platten abspielen konnte (Bild 91).

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