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Aus der Funkschau 1982 Heft Nr. 23
"100 Jahre Ton- und Bildspeicherung"
Artikel Nr. 48 (von 72)

von Prof. Dr. hc. Walter Bruch in 1982
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Wilhelm Gaus klebt Carbonyleisenpulver auf Acetylzellulose

Statt der von Pfleumer außer Papier vorgeschlagenen Zellulosehydrat-Folien der ersten AEG-Bänder wählte Gaus als Bandmaterial die festere Acetylzellulose. Er ließ Carbonyleisenpulver, das bereits für Pupinspulen fabrikmäßig hergestellt wurde, in einer Acetylcellulose-Walzmasse dispergieren, die Masse mit einem Lösungsmittel versetzen und den so erhaltenen Lack mit den Eisenteilchen auf einen Film aus Acetylcellulose aufbringen und trocknen, so daß dann die Eisenpulverteilchen als feste Schicht auf dem Film verteilt waren [38].

Die AEG und die BASF haben einen Plan

Bild 46. Das erste Kompaktgerät (1934)

Dieses erste professionell hergestellte und nicht mehr erbastelte Magnetband lieferte so gute Resultate, daß die beiden Konzerne - AEG und die BASF - beschlossen, fortan gemeinsam dem Tonbandgerät zum Massenerfolg zu verhelfen. Die Tonbandentwicklung wurde von der BASF vorangetrieben, die Geräteentwicklung von der AEG.

Das erste Gerät, noch mit senkrechter Spulenanordnung, blieb ein Einzelstück (Bild 46}. Im Laboratorium entwickelte man eine neue Anordnung mit flach liegenden Spulen und einem „Einmotor-Reibradantrieb". Im Prinzip arbeitete das Modell so gut, daß man beschloß, daraus handliche Geräte weiterzuentwickeln und sie auf der Funkausstellung im August 1934 in Berlin auszustellen.

Die Vorführung zur Funkausstellung im Aug. 1934 wurde abgesagt

Bild 47. Das für die Funkausstellung 1934 vorgesehene, mißlungene Koffergerät mit Einmotor-Reibradantrieb und Knebelumschaltung

Von der BASF wurden dafür 50.000m des neuen Bandes zur Verfügung gestellt. Doch die in einem engen Holzgehäuse untergebrachten Geräte (Bild 47) arbeiteten nicht zufriedenstellend, in letzter Minute mußte man ihre Vorstellung absagen.


Die in überstürzter Entwicklung gefertigten Geräte
hatten im Dauerbetrieb nicht die Eigenschaften des Modells. Fieberhaft setzte nun eine Neuentwicklung ein. Sie ergab nach einem Vorschlag von Th. Volk das Dreimotoren-Gerät, Vorbild für alle zukünftigen Tonbandgeräte.

Es war natürlich auch nur im Team zu schaffen

Tag und Nacht wurde gearbeitet, um die Scharte auszumerzen. Neben Schüller waren daran noch zwei weitere Entwickler beteiligt. Ihre Namen finden wir in einem Gedicht, das am 1.12.1934 anläßlich der Vorstellung des verbesserten Modells bei einem Kameradschaftsabend den Arbeitskollegen des Fernmeldewerkes vorgetragen wurde.

Sein Anfang lautete:

  • "Die Maschine, die hier steht,
    heißt Magnetton-Bandgerät.
    Die Erfinder sind Herr Schüller,
    Westpfahl sowie Siegfried Müller.
    Hier spricht man den Ton hinein,
    dort wird er zu hören sein.
    Die Maschine hier beweist
    rastlosen Erfindergeist,
    ist doch dies Modell jetzt schon
    die dreizehnte Konstruktion.
    Vielen ist noch nicht bekannt
    der Entwicklung neuester Stand.

  • Unentwegt arbeiten Schüller,
    Westpfahl sowie Siegfried Müller,
    Eisenproben tun sie mischen,
    um das Richtige zu erwischen,
    Tonverstärker baun sie auf,
    Bremsen für der Räder Lauf.
    Leider ist der Ton noch kläglich,
    manchmal beinah unerträglich.
    Will man dem Magnetton lauschen,
    hört man meistens nur das Rauschen,
    mal ists laut, und mal ists leise,
    immer hört man nur Geräusche ......."

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Das Bandgerät wird von jetzt an „Magnetophon" genannt.

Nun hatte man auch den endgültigen Namen gefunden: „Magnetophon" *). Das zuerst nur für Sprachaufnahmen gedachte Gerät hieß anfangs „GEA-Bandsprecher", dann „Ferroton", bis für die Funkausstellung 1935 der Name „Magnetophon" gewählt wurde.

*) Das Wort „Magnetophon" wurde der AEG geschützt und ging auf deren Tochter Telefunken über. Wo es Markenzeichen ist, wird es mit „ph" geschrieben, sonst modern "Magnetofon".

Eigentlich hatte man es, wie es in einem AEG-Prospekt von 1935 heißt, für die Verwendung bei Aufsichtsratssitzungen, Gerichtssitzungen, bei großen staatspolitischen Reden und bei Polizeiverhören gedacht.

Die Brandkatastrophe auf der Funkausstellung

Drei Tage waren die fünf Geräte auf dem AEG-Stand der Funkausstellung die Sensation, bis ein schreckliches Ereignis alle vorhandenen Exemplare vernichtete: Die ganz aus Holz gebaute Halle 4 brannte ab; der Werbeleiter von Telefunken, Erich Kessler, fand dabei zusammen mit zwei anderen Menschen den Tod.

Ein Arbeiter, der beim Ausbruch des Brandes noch auf dem AEG-Stand arbeitete, berichtete in einer Zeitung:

  • "Ich befand mich in der Halle 4, wo ich am Stand der AEG Arbeiten zu verrichten hatte. In der Ausstellung befanden sich außer dem Wachpersonal nur noch wenige Leute. Das Licht war in der Halle abgeschaltet bis auf die Hauptlampen. Plötzlich bemerkten wir einen hellen Schein und sahen, wie am gegenüberliegenden verdunkelten Stand der Siemens-Werke, an dem sich niemand befand, Flammen emporschlugen. Die Gardinen zündeten hoch. Wir sprangen hinzu und rissen sie herunter. Das Wachpersonal kam mit allen greifbaren Spritzen gelaufen, und der Hydrant wurde aufgedreht. Es war aber nichts mehr zu machen. Im Augenblick brannte es lichterloh. Wir alamierten nur noch vom AEG-Stand aus die Feuerwehr mit „Großfeuer im Funkhaus" und konnten es da schon vor Hitze in der Halle nicht mehr aushalten.

    Als wir die 30 bis 40 Meter bis zum Ausgang liefen
    , brannte uns schon der Teppich unter den Füßen. In einem Zeitraum von knapp fünf Minuten hat sich durch die Hitze eine derartige Luftbewegung im Moment entwickelt, daß wir mit Mühe herauskamen. Das Feuer nahm eine riesige Entwicklung an. Als wir aus der Halle heraus waren, sahen wir schon die Flammen auf dem Dach züngeln. Halle 4, wo die ganzen Großfirmen ausgestellt hatten, brannte lichterloh."

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Es musste aber weitergehen

Bild 48

Fieberhaft montierte man für weitere Demonstrationen aus vorhandenen Einzelteilen noch drei Geräte zusammen. Das ausgestellte Gerät K1 (Bild 48) hatte außer dem Dreimotoren-Antrieb schon alle Merkmale, die lange Zeit die Technik dieser Bandgeräte bestimmten: 6,5mm breites Band, schneller Rücklauf, Betätigung durch Drucktasten. Allerdings war die Bandgeschwindigkeit noch 1m/s; das gab mit einer Spule von 30cm Durchmesser 20min Spielzeit. Beim K2 von 1936 ging man dann schon auf 77cm/s herab.

Von dem ursprünglichen Wunschtraum, ein kleines Tonbandgerät für jedermann zu schaffen, z. B. wie Bild 46, hatte man sich aber weit entfernt. Das Gerät war mit seinen drei Motoren schwer geworden und kostete etwa 1.500 Reichsmark.

Für den Rundfunk noch nicht tauglich . . .

Bild 49. Programm-Zettel des Konzerts des Londoner Philharmonischen Orchesters unter Leitung von Sir Thomas Beecham im Feierabendhaus der IG-Farben am 19. November 1936

Aber immer noch konnte man den Rundfunk nicht für das Gerät interessieren, trotz eines aufsehenerregenden Experiments der IG-Farben (BASF), Ludwigshafen (Bild 49).
Aber lassen wir deren Werkzeitung sprechen:

  • "Als Sir Thomas Beecham und die Londoner Philharmoniker nach ihrem eindrucksvollen Konzert im IG Feierabendhaus Ludwigshafen Gäste der IG im Kasino waren, wartete auf sie eine besondere Überraschung! Aus dem Lautsprecher tönte ihnen ihr Konzert, dem zweitausend Menschen begeistert gelauscht hatten, in überraschender Klarheit und Reinheit entgegen.
  • Die Reproduktion war eine Versuchsaufnahme auf dem Magnetophon, einem neuen Gerät zur Schallaufzeichnung, das in jahrelanger enger Zusammenarbeit der AEG Berlin und der IG Ludwigshafen a. Rh. entwickelt worden ist."

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Obwohl neue Bänder, die statt mit dem schwarzen Magnetit jetzt mit dem von Dr. Mathias (BASF) gefundenen magnetisierbaren Eisenoxid Fe2o3 beschichtet waren, eine brauchbare Musikqualität bei einer Bandgeschwindigkeit von 77cm/s ergaben, verhielt sich die Reichsrundfunkgesellschaft (RRG) noch sehr zögernd mit der Einführung des Magnetophons.

Erst 1938 begann man sich ernst dafür zu interessieren, und als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbrach, war es die Wehrmacht, die mit ihren Wünschen die Entwicklung in Richtung zu transportablen Geräten vorantrieb.

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