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Eine erste Bestandsaufnahme der aktuellen CC-Recorder

November 1978

Franz Schöler war - im Nachhinein betrachtet - fast genauso wie Karl Breh - gnadenlos unbestechlich, wertneutral und besonders kritisch, eben - auch wieder wie Karl Breh - ein Hifi-Fan mit Anspruch. Leider waren das die Gründe, warum beide Fachleute quasi die Totengräber "ihrer" Kinder waren, also sowohl der KlangBild wie auch der Hifi-Stereophonie.
In diesem langen und ausführlichen ersten Artikel über die überhaupt machbaren Qualitäten der hochgejubelten CC-Kassettenrecorder aus 1978 beschreibt er detailliert, was Willi Studer seinen Mannen immer wieder gesagt hatte.
"Laßt die Finger von diesem Spielkram. Das kann so nicht funktionieren." Doch die Hersteller brauchten um jeden Preis "ein Produkt" zum Verkaufen. Der hier im Artikel öfter angebrachte Vergleich mit den großen Spulengeräten hinkte schon damals in 1978, - zu groß, auch zu kompliziert und viel zu teuer.
Am Ende dieses Artikel hatte sicher der Markting Chef (eines der inserierenden Unternehmens) seinen Chef angerufen und alle Anzeigen sofort storniert. Diese Offenheit hatten viele Hesteller oder Importeure ganz bestimmt nie gewolt und erst recht nicht vertragen. Denn der Leidensdruck - etwas zu verkaufen, selbst wenn es fabrikneuer Schrott war - wuchs ab 1978 von Monat zu Monat.

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HiFi on the Rocks - NOVEMBER 1978
KEINE HEILE HI-FI-WELT BEI
Kassettenrecordern und Kassetten

von Franz Schöler im November 1978

In ihrem Magnetband-Leitfaden empfiehlt die Firma Maxell, Hersteller sehr hochwertiger Kassetten, dem prospektiven Käufer eines Kassettenrecorders unter anderem folgendes:

  • • Wählen Sie ein gutes Gerät mit der besten Kombination von Bedienungskomfort, das auch Ihren Preisvorstellungen entspricht ...
  • • Wählen Sie ein gutes Band ...
  • • Bringen Sie Ihr Gerät und das gewählte Band zu einem qualifizierten Fachhändler oder Techniker, und lassen Sie ihn folgendes tun :
  • • Überprüfung der Abgleichung des Gerätes.
  • • Vormagnetisierung des Gerätes auf Ihr gewähltes Band einstellen.
  • • Entsprechendes Einstellen des Aufsprechentzerrers.
  • • Und wechseln Sie Ihre Tonbandmarke nicht!


Fromme Wünsche, die durchaus gut gemeint und ehrenwert sind. Aber die Praxis sieht leider vollkommen anders aus. Denn bei Punkt 3 der Maxell-Empfehlungen beginnt das Dilemma des Kassettenrecorder-Käufers :

Welcher Fachhändler verfügt über einen entsprechenden Meßgeräte-Park und das perfekte Know-How, um Kassettenrecorder in den verschiedenen Vormagnetisierungs-und Entzerrungspositionen, bezüglich des Azimuth, der Dolby-Kalibrierung und der Phasenlage, auch wirklich perfekt auf die jeweils gewünschte Bandsorte abzugleichen ?

An welche Meßkassetten soll er sich halten, nachdem es dort schon fertigungstechnisch vom Gehäuse her Toleranzen gibt, die ein perfektes Kalibrieren stark erschweren ?

Und was tun, wenn der Abgleich nicht über Potentiometer erfolgen kann, sondern richtige Eingriffe in die elektronische Schaltung des Geräts vorgenommen und somit die geeigneten Widerstände und Kondensatoren besorgt werden müssen ?
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Der Markt ist unübersichtlich

Der HiFi-Laie macht sich von den Schwierigkeiten im richtigen Umgang mit einem Kassettenrecorder kaum einen Begriff. Er ist sowieso irritiert. Denn die Anzahl hochwertiger und langlebiger Spulentonbandmaschinen, die man einmal auf die optimale Bandsorte einmessen läßt, ist vergleichsweise bescheiden. Dagegen ist das Angebot an Kassettenrecordern mittlerweile beinahe vollkommen unübersichtlich geworden : Rund 150 bis 180 Geräte dieses Typs werden derzeit auf dem deutschen Markt angeboten.

Ganz zu schweigen von den zahllosen Radio-Recordern und vielen in Kompaktanlagen eingebauten Kassettengeräten, bei denen von Erfüllung aller einschlägigen Forderungen der DIN 45500 keine Rede sein kann.

Eine Spanne von 400.- bis 4.000.- DM

Die Palette der Kassettenmaschinen reicht vom einfachen Recorder um die 300 bis 400 Mark bis zu Luxusgeräten, für die man 4000 Mark berappen darf, einen Betrag, für den man drei sehr gute Spulentonbandgeräte kaufen könnte (und womöglich auch sollte).

Hinzu kommt, daß Kassettenrecorder nicht nur die technisch problematischsten Geräte nach dem Lautsprecher sind, sondern von
der Bedienung her auch noch die kompliziertesten Komponenten in der HiFi-Anlage; wenn man mit ihnen spielen will, gar noch komplizierter als Spulenmaschinen !

Da gibt es neben den üblichen Funktionstasten (Start, Stop, Pause, Aufnahme sowie schneller Vor- und Rücklauf) mittlerweile bei den Luxusgeräten, aber auch schon bei vielen Recordern der gehobenen Mittelklasse unter anderem folgendes, was man alles falsch machen kann :

Einstellen der Vormagnetisierung und Entzerrung auf die jeweilige Bandsorte, Kalibrieren auf breitesten Frequenzgang oder beste Höhendynamik, Zuschalten eines (möglicherweise unterschiedlich regelbaren) Rauschunterdrückungssystems, Vorpegelregler für alle möglichen Ein- und Ausgänge und manches mehr, was luxuriösen Bedienungskomfort ausmacht wie ein zusätzlich schaltbares MPX-Filter*, eine Schaltung für die Aufnahme dolbysierter Rundfunksendungen oder Fremdaufnahmen und ein Regler für variable Tonhöhe.

Bis man da einmal durchblickt, bedarf es einiger Eingewöhnungszeit. Und wenn man seinen Kassettenrecorder optimal auf eine bestimmte Bandsorte abstimmen will, muß man womöglich Spezialist mit einem Meßgeräte-Bestand von 20.000 Mark und mehr sein, um auch das letzte Quentchen an Aufnahme- und Wiedergabequalität herauszukitzeln. Und dann sind immer noch nicht alle Schwierigkeiten überwunden.
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Die Kassette selbst setzt technische Grenzen

Denn das eigentliche Problem neben den technisch doch immer ausgereifteren Bandmaschinen stellt die Kassette selbst mit ihren mechanischen und elektromagnetischen Eigenschaften dar.

Entweder verwendet man nämlich ausschließlich die Bandsorte, auf die das Gerät herstellerseitig eingemessen wurde, oder man läßt es sich auf eine Bandsorte, die nach Expertentest rundum besser ist, speziell einmessen.

Wenn das brandneue Kassetten-Deck nicht so phantastisch klingt, wie man es dem Preis nach eigentlich erwarten oder verlangen könnte, liegt das womöglich nicht an mechanischen Mängeln (schlechter Gleichlauf, falsch justierter Azimuth usw.) oder an unbefriedigenden elektrischen Eigenschaften, sondern schlicht und einfach daran, daß man die „falsche" Kassette verwendet.

Es besteht kein Zweifel, daß Firmen wie TDK, Maxell, BASF, Fuji, Agfa usw. gute Kassetten liefern. Die „beste" kann allerdings ausgerechnet für Ihren Recorder die „falsche" sein, weil er mit ihr nicht kompatibel ist. Um das zu erläutern, möchte ich etwas weiter ausholen.

Seit der Einführung der neuen „Super"-Bänder hat der Konkurrenzstreit darüber, welches denn nun das beste Bandmaterial sei, nicht mehr aufgehört. Die Hersteller arbeiten ständig an neuen Entwicklungen, um alle technologischen Möglichkeiten des dünnen und langsam laufenden Kassettenbandes, das auch nur halb so breit wie normales Bandmaterial ist, weitestgehend auszureizen.

Und natürlich streichen sie in der Werbung die Überlegenheit ihrer jeweils neuesten Bänder gegenüber Konkurrenzprodukten heraus. Für die Beschichtung der Polyester-Bänder werden inzwischen so viele unterschiedliche (und zum Teil geheimgehaltene) Metall-Legierungen mit verschiedenen „Arbeitspunkten" verwendet, daß höchstens Spezialisten noch einen Überblick haben.
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Zwei Kategorien: Standard und Super

Moderne Bänder kann man in zwei Kategorien unterteilen, die normalen Standardbänder (oft billiger Ramsch, der außerhalb des Hi-Fi-Handels angeboten wird) und die seit einiger Zeit angebotenen „Super"-Bänder, die eine bessere Aufzeichnungsqualität besitzen.

Die neuen Eisenoxid-Bänder bieten unter anderem einen erheblich besseren Rauschabstand, geringeren Klirrfaktor und höhere Aussteuerbarkeit bei besserer Höhendynamik. Daneben gibt es andere Legierungen wie mit Kobalt behandeltes Eisenoxid (ein Chrom-Substitut, das in der Regel einen anderen Vormagnetisierungsstrom und Entzerrung benötigt), sowie das bekannte Chromdioxidband und das relativ neue Eisenchromband, für das es leider überhaupt noch keine verbindliche Norm-Charge gibt.

Die höhere Qualität dieser Bandmaterialien gegenüber den früher angebotenen Kassetten ist unbestritten. Allerdings müssen der Vormagnetisierungsstrom und die Entzerrung auch auf diese Bänder eingestellt sein.

Die Vormagnetisierung (und Löschung) geschieht mit Hilfe eines hochfrequenten Signals (zwischen 60 und 120 kHz), das dem dafür vorgesehenen Tonkopf durch einen Oszillator zugeführt wird.

Entzerrt wird das Signal mit einer Zeitkonstante von 70 oder 120 Mikrosekunden je nach Art des verwendeten Bandmaterials. Welche Entzerrung und Vormagnetisierung benötigt wird, ist im ersteren Fall normalerweise auf dem Kassettengehäuse oder der Verpackung notiert, im zweiten Fall nur ungefähr (!) angegeben mit der Empfehlung, die Normal-, Chrom- oder Ferrichrom-Position einzustellen.

Bei vielen Kassettenrecordern sind mit der Einstellung auf eine bestimmte Bandsorte die Entzerrung und der Vormagnetisierungsstrom
fest eingestellt, bei aufwendigen Geräten können sie individuell eingestellt werden. Bei älteren Recordern, die beispielsweise noch nicht auf Ferrichrom-Band eingestellt sind, muß man sich zur Linearisierung des Frequenzgangs je nach Angaben des Herstellers mit dem Klangregelnetzwerk des Verstärkers behelfen.
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Unterschiede zwischen professionellen und Heimgeräten

Bei professionellen Mischpulten und Bandmaschinen nimmt ein Tontechniker die korrekte Einstellung von Entzerrung, Vormagnetisierung und Rauschunterdrückungssystem vor. Ein wirklich penibler Profi justiert die Maschine bei Verwendung eines neuen Bandes auch jedesmal von neuem, selbst wenn es sich um dasselbe Fabrikat und dieselbe Type handelt.

Das ist dasselbe, wie wenn ein Sportwagenbesitzer seinen Flitzer nach jedem Auftanken neu „tunt". Bei professionellen Geräten kann man die nötigen Einstellungen stufenlos vornehmen, nicht so bei den allermeisten Kassettengeräten. Bei ihnen findet man im Manual gewöhnlich die Positionen aufgelistet, die für die empfohlenen hochwertigen Bandsorten optimal sind.

In Position „normal" (für Eisenoxidband) ist der Vormagnetisierungsstrom am geringsten. Bei Chromdioxidband benötigt man den höchsten Vormagnetisierungsstrom. Die mittlere Position ist normalerweise für Ferrichromband geeignet, das eine höhere Vormagnetisierung benötigt als Normalband, aber eine nicht so hohe wie Chromdioxidband.

Die besseren Qualitäten der neuen „Super"-Kassetten betreffen, eine korrekte Einstellung auf den Arbeitspunkt natürlich vorausgesetzt, einen breiteren und glatteren Frequenzgang zu hohen und tiefen Frequenzen hin, geringere Verzerrungen, höheren Rauschabstand und bessere Höhenwiedergabe.

Ganz so unproblematisch, wie die Sache manchmal dargestellt wird, ist sie allerdings nicht. Bei höherem Vormagnetisierungsstrom nimmt zwar die Aussteuerbarkeit in den Tiefen zu, und dort wird auch der Klirrfaktor bei verbessertem Rauschabstand geringer. Gleichzeitig nimmt aber die Empfindlichkeit in den Höhen ab.
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Ein optimaler Kompromiß muß gefunden werden

Man steht also vor einem Dilemma: Hohe Vormagnetisierung ist günstig für die tiefen Frequenzen, eine geringere Vormagnetisierung ermöglicht bessere Aufzeichnung der Höhen, die beim Kassettenrecorder sowieso ein kritisches Kapitel sind.

Man muß also den optimalen Kompromiß für das verwendete Bandmaterial finden. Die Band-Hersteller sind von sich aus bemüht, Metall-Legierungen für die Beschichtung zu entwickeln, die bestens zu den elektrischen Eigenschaften der Recorder passen, beziehungsweise Vor- und Nachteile durch die Art der Beschichtung zu kompensieren.

Wenn man nicht das Band benutzt, auf das der Recorder eingemessen wurde, kommen die Probleme: höhere Verzerrungen, schlechterer und weniger gleichmäßiger Frequenzgang, verringerter Rauschabstand, problematische Aussteuerbarkeit usw..

Wer sein Kassettengerät optimal ausnutzen will, darf also nur die empfohlenen Bandsorten verwenden oder aber muß von einem Spezialisten das Gerät auf die gewünschten Bandsorten einmessen lassen (die Kosten liegen zwischen 60 und 120 Mark). Dann darf man für bestmögliche Ergebnisse auch wirklich nur diese Bandsorten benutzen ! (Anmerkung : die der Hhersteller dann auch für ein paar jahre unverändert liefern - können - muß.)

Wer experimentell herausfinden will, welche hochwertigen Kassetten sich am besten für den eigenen Recorder eignen, sollte Eigenaufnahmen von sehr guten Schallplatten machen und diese sorgfältig durch direktes Umschalten mit der Aufzeichnung vergleichen. Wo die Möglichkeit der Hinterbandkontrolle gegeben ist, wird der Vergleich natürlich wesentlich erleichtert.
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Ein Ärgernis : falsch justierter Azimuth

In jedem Fall lohnt es sich, den Händler nach dem Kauf darum zu bitten, wenigstens eine Tonkopfjustage mit einem geeigneten Testband vorzunehmen (Maxell, TDK, BASF usw. bieten solche Testkassetten an).

Denn Testzeitschriften haben es immer wieder unverblümt ausgesprochen: Bis zu 90 Prozent der Kassettenrecorder, die auf den Meßplatz kamen, waren schon vom Azimuth her falsch eingestellt ob infolge schlampiger Endkontrolle oder Transport, ist gleichgültig. Die Tests selber werden - leider - an labormäßig eingemessenen Geräten vorgenommen, so daß man als Konsument nicht über Streuungen der Fertigungsqualität informiert ist.

Tatsache ist, daß ein schlecht justierter Tonkopf - und da genügen Bruchteile von Graden der Verwinklung - eine schlechtere Höhenwiedergabe mit sich bringen. Geeignete Testkassetten sind beispielsweise die Maxell HS-8102, die man natürlich dann am ehesten benützt, wenn man auch vorzugsweise Kassetten dieses Herstellers spielen möchte. Denn trotz der Normung der Abmessungen von Kassettengehäusen gibt es gerade wegen der geringen Geschwindigkeit gewisse Unterschiede in der Bandführung, so daß sich die Testkassetten der jeweiligen Firmen noch am günstigsten für die Justage auf das eigene Band eignen.

Weil beim Kassettenrecorder sehr viel Mechanik und Elektronik ineinandergreifen, sind bei diesen Geräten leider stärkere Schwankungen innerhalb der serienmäßig einhaltbaren Qualität gegeben als meinetwegen bei Verstärkern, UKW-Empfangsteilen oder Plattenspielern derselben Serie. Was ein weiterer Grund dafür ist, einen teureren Kassettenrecorder nach dem Kauf in der Werkstatt eines qualifizierten Fachhändlers überprüfen zu lassen.
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Gleichlaufschwankungen sind nach der Frage der „richtigen" Bandsorte das größte Problem

Es gibt inzwischen Kassettenrecorder, die tatsächlich Aufnahme-/ Wiedergabe- Tonhöhenschwankungen von nur ±0,05% (nach DIN bewertet) aufweisen. Aber erstens sind diese Geräte wirklich extrem teuer, und zweitens besagt dieser Meßwert nichts über das Langzeitverhalten in puncto Gleichlauf.

Bei den meisten Recordern liegen die Gleichlaufschwankungen nach DIN B (!) zwischen ±0,1% und ±0,2%, während die linear gemessenen, also nicht bewerteten Daten doch um einiges schlechter sind. Wie weit sie von den nach DIN B ermittelten Werten abweichen, gibt meist Auskunft über die Qualität und unter Umständen auch über die Langzeitkonstanz des Antriebs.

Die nach "WRMS" oder "JIS" ermittelten Daten für Tonhöhenschwankungen von amerikanischen oder japanischen Recordern kann man beim Studieren der Prospekte getrost vergessen. Sie nehmen sich zwar optisch sehr günstig aus, sind aber nach anderen Meßmethoden ermittelt: Nach DIN-Ansprüchen gemessen sind sie mindestens mit dem Faktor 2 zu multiplizieren. Ehrlicher, weil strenger, ist darum nur der nach DIN gemessene Wert.

  • Anmerkung : "WRMS" oder "JIS" wird noch herausgesucht und genauer erläutert.

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Brettebene Frequenzgänge sagen noch nicht alles

Auch bezüglich des Übertragungsbereiches, der sich mit Kassettenrecordern erzielen läßt, erreicht man heute „Traumwerte" von 18 bis 20 kHz, wenn man nur den Vormagnetisierungsstrom entsprechend (gering) einstellt. Einen solch breiten und glatten Frequenzgang erkauft man sich aber in der Regel mit verringerter Aussteuerbarkeit der Höhen, stark ansteigenden Verzerrungen bei nur geringfügig zu hoher Aussteuerung und überhaupt einer sehr problematischen Bedienbarkeit des Geräts, weil dann das Band bei 0dB der VU-Meter-Anzeige schon weit übersteuert ist.

Wird dagegen das Gerät mit einem 333-Hz- oder 400-Hz-Pegelton optimal kalibriert, kann man das Band dagegen voll ausnutzen und bei manchen Bandsorten sogar bis +3dB übersteuern, ohne daß die Verzerrungen jemals die 3%-Marke überschreiten würden.

Brettebene Aufnahme-/Wiedergabe- Frequenzgänge in Testberichten, die bis 18 oder gar 20 kHz reichen, besagen also noch nicht, ob man sie in der Praxis auch wirklich ausnützen kann. Voraussetzung dafür wären ein optimales Einmessen des Geräts und äußerst vorsichtiger Umgang mit dem Pegelregler des Aufsprechverstärkers.
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Rausch-Unterdrückung ist ein Muß

Kassettenrecorder in HiFi-Qualität, die kein Rauschunterdrückungssystem eingebaut haben, werden praktisch nicht mehr angeboten. Die meisten arbeiten heute mit der von Ray Dolby entwickelten „Dolby-B"- Schaltung, die das unvermeidliche Bandrauschen um mindestens 5dB, meist um mehr als auf die Hälfte verringert.

Wegen der geringen Breite des Kassettenbandes und der niedrigen Geschwindigkeit, mit der es läuft, ist ein Rauschunterdrückungssystem für gute Hi-Fi-Qualität zweifellos ein Muß. Ob es in jedem Fall auch perfekt arbeitet, ist eine andere Frage. Denn wenn beispielsweise die Dolby-B-Vorrichtung nicht richtig justiert ist, ergeben sich bei Aufnahme plus Wiedergabe doppelte Höhenverluste. Das merkt man auch als Laie sehr rasch, weil dann der Unterschied zwischen Aufnahmen mit und ohne Dolby kraß ist.
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Andere Probleme

Schlupfprobleme hat man mit hochwertigen Kassettenrecordern kaum, und auch die grundsätzliche Abweichung von der Soll-Geschwindigkeit bewegt sich meist im Promille-Bereich, jedenfalls weit jenseits der DIN-Forderung von 1,5%.

Weit ärgerlicher sind in der Praxis mangelhafte Kassetten-Mechaniken, die sich auf den Gleichlauf auswirken (von Mechaniken, die pausenlos Bandsalat verursachen, ganz zu schweigen).

Hier gibt es in der Tat noch beträchtliche Qualitätsunterschiede, wie man u. a. durch Gleichlaufmessungen desselben Geräts mit verschiedenen Kassetten sehr schnell herausfindet. Wenn das Klangbild verhangen oder gar verwaschen ist, muß das nicht unbedingt an den Gleichlauf-Eigenschaften des Geräts liegen, das kann sehr wohl durch die Verwendung von Kassetten mit schlechter Mechanik bedingt sein.

Wenn man mit bestimmten Kassetten des öfteren schlechte Erfahrungen (Bandsalat) gemacht hat, sollte man schleunigst auf andere umsteigen. Daß die besten Kassetten auch die teuersten sind (Kostenpunkt zwischen 7 und 12 Mark, je nachdem, was und wo man einkauft), sollte dafür kein Hinderungsgrund sein.
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Anzeige Instrumente benötigen Eingewöhnungszeit von Seiten des Kassetten-Benutzers

Eine wahre Crux stellen nach all den Jahren der Weiterentwicklung immer noch die Anzeigeinstrumente für die Aussteuerung dar. Natürlich möchte man die Bänder voll aussteuern, um die höchste Dynamik und damit das geringste Rauschen zu erzielen. Andererseits steigen bei Übersteuerung die Verzerrungen sehr rasch und stark an.

Viele Hersteller haben sich offenbar immer noch nicht daran gewöhnen können, die Anzeigecharakteristik der Instrumente in den Manuals auch bezüglich der verschiedenen Bandsorten präzis zu vermerken, so daß man als „Laie" abschätzen kann, wie hoch man jeweils aussteuern darf.

Als Alternative empfehlen sich schnelle VU-Meter mit entsprechendem Vorlauf oder studiogemäße Peak-Level-Anzeigen. Eine LED-Anzeige, die bei Übersteuerung sofort anspricht, ist in jedem Fall von Nutzen. Wenn der Hersteller die Anzeigecharakteristik der Instrumente nicht vermerkt hat, sollte man sich unbedingt an die Empfehlungen von seriösen Testblättern halten oder gründlich ausprobieren, bei welcher Aussteuerung des jeweiligen Bandes die Verzerrungen zunehmen.
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Unterschiedliche Anforderungen an stationäre und mobile Kassettenrecorder

Bezüglich der elektrischen und mechanischen Anforderungen gibt es kaum Unterschiede zwischen Kassettenrecordern, die man ausschließlich zu Hause benutzt, und solchen, die man im mobilen Einsatz als halbprofessionelles (wenn das Wort hier gestattet ist) Aufnahmegerät verwendet. Die meisten sind praktischer Natur.

Kopfschmerzen dürfte so manchem Besitzer eines Kassettenrecorders, der mit diesem Gerät auch „tonbandeln" will, die Empfindlichkeit der Mikrofoneingänge bereiten: dann nämlich, wenn er nicht bereit ist, mit einer eigenen Spannungsversorgung bzw. einem Übertrager für das Mikrofon zu arbeiten. Die Empfindlichkeit ist in der Regel so gering; daß man mit Mikrofonen arbeiten muß, die ihrerseits ziemlich empfindlich sind (z. B. Elektret-Kondensator-Mikros), damit man nicht einen schlechten-Rauschabstand erhält. Wer beabsichtigt, Mikrofonaufnahmen zu machen, sollte darum vor dem Kauf eines Mikrofons die richtige Empfindlichkeits-Anpassung beachten.
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Ein Fazit der voraufgegangenen Überlegungen :

Das Spulentonbandgerät ist und bleibt, wenn man es bei 19cm/s oder 38cm/s in Halbspur-Technik betreibt, immer noch dem Kassettenrecorder überlegen. Darum sollte man den eigenen finanziellen Möglichkeiten und dem Qualitätsanspruch entsprechend überlegen, ob man ein Spulen- oder ein Kassettengerät kauft. Wer beim Spulengerät mit 9,5cm/s oder in Viertelspur-Technik aufnimmt, könnte ähnliche Ergebnisse bequemer mit einem Kassettenrecorder erzielen.

Für bestmögliche Aufnahme- und Wiedergabequalität ist es unbedingt nötig, entweder nur das herstellerseitig empfohlene Band zu verwenden oder das Gerät auf je eine Bandsorte eines Herstellers in Eisen-, Chrom- und Ferrochrom-Position einmessen zu lassen. Diese Arbeit kann nur ein spezialisierter Fachmann vornehmen. Eine Azimuth-Justage empfiehlt sich wegen der oft dejustierten Tonköpfe in jedem Fall.
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Die Langzeitstabilität

Bandführungs- und Gleich lauf Schwankungen bleiben weiterhin und erst recht auf längere Sicht ein Problem. Der Kassettenrecorder ist ein massenhaft gefertigtes Produkt, bei dem Elektronik und Mechanik kompliziert ineinandergreifen. Die Schwankungen der Serienqualität sind oft noch beträchtlich. Übrigens ist auch ein Drei-Motoren-Antrieb "nicht unbedingt" ein Garant für lange Lebensdauer des Geräts.

Jeder Käufer muß sich mit der Anzeigecharakteristik der Aussteuerungsinstrumente vertraut machen, um die Gefahrvon Verzerrungen zu vermeiden.

Die Lebensdauer der Tonköpfe ist - unter anderem je nach verwendetem Bandmaterial - nach Hersteller unterschiedlich! Sie dürfte geringfügig höher sein als die von Tonabnehmer-Diamanten. Darum sollte man spätestens alle 700 bis 1200 Betriebsstunden überprüfen lassen, ob infolge von Abschliff und Auswaschungen Hochtonverluste auftreten. Gegebenenfalls ist vom Fachmann ein neuer bzw. mehrere neue Tonköpfe einzusetzen und präzis zu justieren.
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Ein paar Bemerkungen über vorbespielte Kassetten

Zum Schluß seien ein paar Bemerkungen über vorbespielte Kassetten gestattet. Die Industrie wirbt für solche Kassetten mit der Behauptung, sie seien seit der Verwendung von Dolby B den Platten so gut wie gleichwertig. Die Werbeaussage ist vollkommen absurd, wie man selbst beim Abspielen über eine HiFi-Anlage der unteren Mittelklasse sofort hört.

Ich habe mir einige Dutzend brandneuer vorbespielter Kassetten aus den Bereichen Rockmusik und Klassik besorgt und probenweise im direkten A/B-Vergleich zur Plattenpressung beim gleichen Pegel über eine sehr hochwertige Anlage abgehört. Die Ergebnisse reichten von „katastrophal" bis „na ja" (bei einigen wenigen Klassik-Kassetten).

Ständige Tonaussetzer waren oft nicht nur an Bandanfang und -ende zu bemerken. Frequenzgang- und Dynamik- Änderungen waren zum Teil so kraß, daß man sich fragt, wieso ein Künstler u. U. Hunderttausende von
Mark oder Dollar in eine Produktion investiert und dann so eine Kassette herauskommt, die nicht nur unverschämt viel teurer ist als die Platte, sondern auch einen viel geringeren Informationswert besitzt.

Lautstärkeschwankungen (Limiter ?) waren zu hören, trotz Dolby war das Rauschen oft sehr hoch, waren die Höhen stumpf, der Klirrfaktor hoch und die Transparenz miserabel.

Wenn die Industrie für ein solch schlechtes Produkt, das man ohne schlechtes Gewissen vielleicht noch im Auto spielen kann, so viel Geld verlangt, ist es nicht verwunderlich, daß der Trend zu Eigenaufnahmen auf Leer-Kassetten von Platte und Rundfunk noch zunimmt. Die Bandqualität selbst entsprach in der Regel dem billigsten Ramsch von Supermärkten. Warum vorbespielte Kassetten jenseits jeder (HiFi-) Diskussion sind, darauf werden wir in einem späteren Beitrag - Juni 1979 - noch einmal zurückkommen.

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Was man von einem mobilen Aufzeichnungsgerät verlangen sollte, ist:

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  • möglichst geringe Anfälligkeit gegen Erschütterungen, die unverantwortlich hohe Gleichlaufschwankungen verursachenwürden;
  • ein sehr stabiles Chassis, damit der Recorder nicht beim Runterfallen sofort kaputtgeht;
  • ein Limiter, der zufällig auftretende starke Dynamik-Sprünge begrenzt, so daß man nicht mit plötzlichen hohen Verzerrungen rechnen muß; ob die plötzliche Dynamik-Spitze auch als Maßstab für den dann automatisch zurückgeregelten Aufsprech-Pegel dienen soll, halte ich für problematisch, denn die Aufnahme „atmet" dann möglicherweise doch sehr stark;
  • die Aussteuerungsinstrumente und die Anzeige sollten groß, griffig und nach linkem und rechtem Kanal getrennt sein, um eine rasche Kontrolle und Änderungen zu ermöglichen. Die winzigen Anzeigeinstrumente mancher 1000 und mehr Mark kostenden mobilen Recorder sind absolut sinnlos - zumal wenn sie auch noch unbeleuchtet sind!
  • Verriegelung der Tasten gegen zufällige Fehlbedienung sollte einfach selbstverständlich sein, damit man nicht Live-Aufnahmen löscht;
  • eine Einrichtung für nachträgliches langsames Ausblenden („fade-edit"), wie sie bei manchen stationären Recordern gegeben ist, halte ich für überflüssig, weil man das mit Profi-Maschinen bei der Überspielung tun kann.

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Überlegungen vor dem Kauf

Bevor man einen Kassettenrecorder kauft, sollte man sich einige Punkte gründlich überlegen, nämlich:
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  • Wie hoch sind die Qualitätsanforderungen, die man an die Aufzeichnungen stellt? Der Perfektionist wird, wenn er nicht ein ausgesprochen bequemer Zeitgenosse ist, zum Spulentonbandgerät in Zweispur-Technik tendieren, zumal letztere auch vom Preis her genauso erschwinglich sind.
  • Will er den Recorder nur stationär oder auch mobil einsetzen? Je nach Anwendungsbereich ergeben sich in einigen Punkten unterschiedliche Qualitätsanforderungen, auf die später noch eingegangen wird.
  • Soll das Gerät nur zur Wiedergabe von Hintergrundmusik (oder zum Herzeigen bei Freunden und Bekannten) benutzt werden? Im ersteren Fall ist ein Gerät um die 500 bis 800 Mark bei weitem ausreichend, im zweiten darf man auch 2000 bis 4000 Mark ausgeben und sich den Preis vom Juwelier in Gold auf der Frontplatte eingravieren lassen.
  • Nimmt man ausschließlich vom Rundfunk oder fremdbespielten Kassetten auf? Oder will man hochwertige Umschnitte von Platten oder Live-Sendungen des Rundfunks auf Band konservieren? Im letzteren Fall wird man ein sehr gutes Gerät auswählen müssen, das von seiner technischen Qualität her den Spulentonbandgeräten nur wenig unterlegen ist.

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